Das italienische Steuerrecht kennt zwei zentrale Zeitpunkte, an denen Einnahmen und Ausgaben „steuerlich wirksam“ werden: das Kassaprinzip (ital. principio di cassa) und das Kompetenzprinzip (ital. principio di competenza). Beide Grundsätze bestimmen, in welchem Steuerjahr ein Ertrag versteuert bzw. ein Aufwand abgesetzt wird – und sind damit für Unternehmer, Freiberufler und Privatpersonen in Italien von großer praktischer Bedeutung.
Während das Kassaprinzip auf den tatsächlichen Zahlungszeitpunkt abstellt, orientiert sich das Kompetenzprinzip am wirtschaftlichen Entstehen eines Ertrags oder Aufwands – unabhängig vom Geldfluss.
Diese Unterscheidung ist wichtig, weil sie unmittelbaren Einfluss auf die Bemessungsgrundlage von Steuern, die Buchhaltung und die Periodenabgrenzung hat.
Was bedeutet das Kassaprinzip?
Beim Kassaprinzip (ital. principio di cassa) werden Einnahmen und Ausgaben in dem Zeitpunkt erfasst, in dem die Zahlung tatsächlich erfolgt.
- Einnahmen werden in dem Jahr besteuert, in dem das Geld tatsächlich eingeht.
- Ausgaben sind in dem Jahr abzugsfähig, in dem sie tatsächlich bezahlt werden.
Das Kassaprinzip gilt in Italien insbesondere für:
- Freiberufler (ital. liberi professionisti)
- Kleinunternehmer im Pauschalsystem (ital. regime forfettario)
-
Unternehmen in einfacher Buchhaltung: seit der Haushaltsgesetzgebung 2017 wurde für diese Unternehmen ein besonderes Kassaprinzip eingeführt; dieses ist zwar formal ein Kassaprinzip, enthält aber Mischregeln mit Elementen des Kompetenzprinzips.
Vorteile
- einfache Handhabung
- klare Nachvollziehbarkeit
- Besteuerung erst bei tatsächlichem Zufluss
Beispiel:
Ein Architekt stellt im Dezember 2025 eine Rechnung, die erst im Februar 2026 bezahlt wird. Nach Kassaprinzip ist das Honorar im Jahr 2026 zu versteuern, weil dort der Zahlungseingang erfolgt.
Was bedeutet das Kompetenzprinzip?
Das Kompetenzprinzip (ital. principio di competenza) erfasst Erträge und Aufwendungen in dem Jahr, dem sie wirtschaftlich zugehören, unabhängig vom Zahlungszeitpunkt.
Es bildet die Grundlage der doppelten Buchführung und ist für Kapitalgesellschaften verpflichtend.
Typische Anwendung in Italien
Das Kompetenzprinzip gilt für:
- Kapitalgesellschaften (GmbH-Srl, AG-Spa, KGaA-Sapa)
- Personengesellschaften mit ordentlicher Buchführung (OHG-Snc, KG-Sas)
- Unternehmen mit Bilanzierungspflicht
Vorteile
- realistischere Darstellung des wirtschaftlichen Ergebnisses
- korrekte periodengerechte Abgrenzung
- Vergleichbarkeit der Jahresabschlüsse
Beispiel
Ein Unternehmen erhält eine Rechnung über 10.000 € für Beratungsleistungen, die im November und Dezember 2025 erbracht wurden, aber erst im Februar 2026 bezahlt wird.
→ Erfassung im Jahr 2025, weil dort der wirtschaftliche Aufwand entstanden ist.
Welche Regel gilt für wen? – Überblick
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Kapitalgesellschaften und Unternehmen in doppelter Buchhaltung
- Grundsätzlich Kompetenzprinzip für das steuerliche Unternehmensergebnis
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Unternehmen in einfacher Buchhaltung
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Spezielles gemischtes System: laufende Betriebseinnahmen und -ausgaben folgen dem Kassaprinzip, bestimmte Posten (z.B. Abschreibungen, Veräußerungsgewinne und -verluste, Leasingraten) weiterhin dem Kompetenzprinzip.
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Freiberufler
- Kassaprinzip: Besteuerung der vereinnahmten Honorare abzüglich der bezahlten Ausgaben
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Pauschalsystem
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Kassaprinzip für die Ermittlung der Bemessungsgrundlage, kombiniert mit einem pauschalen Kostenabzug über den gesetzlich vorgesehenen Einkommenskoeffizienten (ital. coefficiente di redditività)
Warum ist die Unterscheidung wichtig?
Die Wahl bzw. Vorgabe von Kassa- oder Kompetenzprinzip beeinflusst:
- Zeitpunkt der Steuerbelastung (frühere oder spätere Besteuerung von Erträgen)
- Liquiditätsplanung (z.B. ob Steuern bereits vor Zahlungseingang fällig werden)
- Gestaltungsmöglichkeiten rund um Jahresende (z.B. Verschiebung von Zahlungen)
- Vergleichbarkeit von Jahresabschlüssen und betriebswirtschaftlichen Auswertungen
Für die meisten Steuerpflichtigen ist das System gesetzlich vorgegeben und nicht frei wählbar. In Einzelfällen (z.B. Wechsel von vereinfachter zu ordentlicher Buchführung) sind Übergangsregeln zu beachten, um doppelte Besteuerung oder nicht berücksichtigte Kosten zu vermeiden.
Kassaprinzip vs. Kompetenzprinzip – die wichtigsten Unterschiede
| Kriterium |
Kassaprinzip |
Kompetenzprinzip |
| Maßgeblich |
Zahlung |
Wirtschaftliche Zugehörigkeit |
| Typische Anwender |
Freiberufler, Pauschalisierter |
Unternehmen mit Bilanzierung |
| Komplexität |
Gering |
Höher |
| Fokus |
Liquidität |
Periodengerechtes Ergebnis |
| Einfluss auf Steuern |
Erst bei Zahlung |
Unabhängig vom Zahlungsfluss |